CHF 35.90
Unerlaubte Entfernung
Vielleicht ist er einer von denen, die nicht sterben können, weil sie nicht gelernt haben zu leben ? er war immer mit dem gefühl aufgewacht, man hätte ihn zurückgeholt, zurückgeholt aus irgendeinem anderen leben, aus einem alptraum oder dem tod ? unerkannt; immer wieder das gefühl, er würde zurückgeholt? Die baracke, in der er sich verborgen gehalten damals, auf der flucht, eine nacht...
zur Produkt-Seite
4106358
{"labels":[],"ID":4106358,"brand":"undefined","brand_id":1,"category_id":103,"ean":9783905591859,"merchants":["orell-fuessli"],"post_content":"Vielleicht ist er einer von denen, die nicht sterben k\u00f6nnen, weil sie nicht gelernt haben zu leben ? er war immer mit dem gef\u00fchl aufgewacht, man h\u00e4tte ihn zur\u00fcckgeholt, zur\u00fcckgeholt aus irgendeinem anderen leben, aus einem alptraum oder dem tod ? unerkannt; immer wieder das gef\u00fchl, er w\u00fcrde zur\u00fcckgeholt? Die baracke, in der er sich verborgen gehalten damals, auf der flucht, eine nacht lang, der republik-, der fahnenflucht in einer nacht, die kein ende zu nehmen schien; durch das pressglas der baracke hatte er nur schemen wahrgenommen, auf dem vorplatz, den schatten einer wache, die sich nicht von der stelle r\u00fchrte, einer wache f\u00fcr dieses stillgelegte lager, dessen umz\u00e4unung er mit einem satz genommen ? Was f\u00fcr eine flucht, nur um wieder in einem lager zu landen, hier, im stammland der lager, in dem fast jeder irgendeine erfahrung mit einem der lager, die das leben, die ordnung vorhielt, verbinden kann. Im kernland der arbeitslager, aussenlager, sammellager, der zv-, pionier- und ernteeinsatzlager? Im kernland der lagermentalit\u00e4t ? Generationen in diesem land, die das wort lager nicht mehr h\u00f6ren k\u00f6nnen. Er hatte immerzu zur t\u00fcr starren, lauschen, den atem anhalten m\u00fcssen ? am morgen war die wache abgezogen, wenn sie nicht nur eine einbildung gewesen? Sp\u00e4ter am tage hatte er sich aus dem staub gemacht, dem november-, dem oktoberstaub in der baracke, den nach ihm niemand mehr aufger\u00fchrt? Aber vielleicht war er auch geblieben, eine weitere nacht lang, weil es keinen ausweg gab, seine angst keinen ausweg zuliess.? Diese angst, die schon immer \u00fcberm\u00e4chtig gewesen (hier, in diesem land, in dem wir das l\u00fcgen verlernt!), die kindliche angst vor der l\u00fccke im zaun, in der sein fuss stecken bliebe, w\u00e4hrend die, die ihm vorangesprungen, schon in den g\u00e4rten jenseits der l\u00fccke wilderten? Diese angst vor jeder \u00fcbertretung, grenz\u00fcberschreitung, und die fluchten, die daraus folgerten und gescheitert waren, im vorhinein gescheitert an dieser l\u00fccke, in der sich sein fuss verklemmte, der schuh? Mag sein, dass er ihnen wieder zugelaufen war, wie ein schaf, ein kalb, tage sp\u00e4ter? (sag? mal, kommst du vom mond?). Oder sie ihn aufgegriffen haben, auf einem der bahnh\u00f6fe im lausitzer becken, zu vorger\u00fcckter stunde, weil er die orientierung entg\u00fcltig verloren, sie vielleicht nie besessen hatte? In der Sprache eines anderen, in der Sprache von einem, der anders war, der nicht dazu geh\u00f6ren konnte, auch wenn er wollte, den die Partei nicht aufnimmt, der sich dem Streben der Eltern f\u00fcgen will, ihnen aber ihre \u00dcberzeugungen nicht glauben kann ? in einer Sprache, die so anders ist als die in ihr beschriebenen Erziehungsmassnahmen, Verhaltensmassregeln, Zurichtungen, Weisungen und Verh\u00e4ltnisse ? in dieser anderen Sprache ist 'Unerlaubte Entfernung' der Bericht einer Entwicklung hin zu einer versuchten und gescheiterten Republiksflucht. 'Er hat das Gef\u00fchl, es gehe im Leben vor allem darum, sich als schuldf\u00e4hig zu erweisen. Dass er schuldig sei, zumindest pflichtschuldig, u.a. zu permanenter Dankbarkeit verpflichtet? vermittelt ihm die famili\u00e4re Erziehung ebenso wie die schulische. Sein Lebensanspruch kulminiert in dem Ziel, ortbar zu bleiben, f\u00fcr sich, f\u00fcr Andere, in einer Gesellschaft, die das Klassenbewusstsein, das WIR einer behaupteten Genossenschaft als Vorleistung, Pr\u00e4misse \u00fcber den Einzelnen gesetzt hat. In einer Gesellschaft, deren B\u00fcrger sich zu einem grossen Teil im Stillen von ihr, vom Leben selbst absentiert haben ? Die Lebensl\u00fcgen der Obrigkeit verquicken sich mit denen von unten? und bilden eine fatale Einheit, die die Gesellschaft, den Einzelnen aller Perspektiven zu berauben droht. Damals hatte er empfunden, in einer Wirklichkeit, einem Raum zu leben, bar jeglicher Geschichte, Entwicklung, ein f\u00fcr allemal statuiert, entg\u00fcltig?' Nach 15 Jahren \u00e4usserer und innerer Ver\u00e4nderung der sie umgebenden Republik wie der eigenen Person ist Jayne-Ann Igel, geboren 1954 in Leipzig und heute in Dresden lebend, nach zwei B\u00fcchern zur Zeit der Wende mit der hier vorgelegten Erz\u00e4hlung wieder auf die literarische B\u00fchne zur\u00fcckgekehrt ? fast ein Deb\u00fct also, eine Prosa, so andeutungsfein genau wie das Metronom der Poesie, das in ihr tickt.","post_title":"Unerlaubte Entfernung","size":null,"slug":"unerlaubte-entfernung","image":"https:\/\/images.vergleiche.com\/small\/aHR0cHM6Ly9pbWFnZXMudGhhbGlhLm1lZGlhLzAwLy0vNDMyZTBhNzJiYzNiNGEyNmJhNzRlOGNlNzRiNTIwMzgvdW5lcmxhdWJ0ZS1lbnRmZXJudW5nLWdlYnVuZGVuZS1hdXNnYWJlLWpheW5lLWEtaWdlbC5qcGVn","merchants_number":1,"deeplink":"https:\/\/www.vergleiche.ch\/unterhaltung\/out\/pm\/12746264\/?src=https:\/\/www.vergleiche.ch\/unterhaltung\/preisvergleich\/buecher\/","low_price_merchant_id":70254503,"min_price":35.89999999999999857891452847979962825775146484375,"price-changing":0,"url":"\/unterhaltung\/produkt\/unerlaubte-entfernung\/","low_price_merchant_name":"Orell F\u00fcssli","blog_id":9}